...OUT LOUD!

„Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“

Karl Valentin

Sei revolutionär: Sei ein Freund!


Wieder mal ausgebootet worden? Wieder mal nicht bekommen, was Sie wollten? Wie bringen Sie Ihre Teamkollegen, Vorgesetzten, Ihre Mitmenschen dazu, gut mit Ihnen umzugehen? Wie kommen Sie an Ihr Ziel? Schon mal versucht, radikal freundlich zu sein?

Eine der wichtigsten Überzeugungen unserer Gesellschaft ist, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! Im Alltag fragt man sich allerdings oft, wo diese Werte geblieben sind: Zwänge, Hierarchien und durchgedrückte Interessen wohin man blickt. Um ein leicht verständliches bayrisches Wortspiel zu benutzen: Überall ein Ober, der den Unter sticht. /1/

„Ich kann doch aber nicht…“

Diese weit verbreitete Sichtweise wird in Trainings oft deutlich, wenn Teilnehmer Sätze wie diese sagen: „Ich kann doch einen Anruf von meinem Chef am Wochenende nicht ignorieren.“ Oder: „Ich kann doch meinem Kollegen nicht sagen, dass sein Ton unverschämt ist.“ Oder: „Ich kann meinem Chef doch nicht sagen, dass ich nicht noch mehr Projektarbeiten übernehmen kann.“

Warum denken wir so? Warum können wir nicht einfach unsere Anliegen äußern? Unsere Grundüberzeugung lautet doch, dass wir das Recht dazu haben. Was hindert uns also daran, geschäftliche Telefonate am Wochenende zu ignorieren oder unseren Vorgesetzten und Kollegen berechtigte Dinge zu sagen? Für mich liegt der Grund hierfür in einer oft unbewusst (!) unterwürfigen Haltung, die von einer Missdeutung hierarchischer Gefüge und einer Schwäche in unseren sozialen Kompetenzen herrührt.

Sei revolutionär: Sei ein Freund!

Aus psychologischer und soziologischer Hinsicht ist das nachvollziehbar. Lautet nicht eines der vorherrschenden gesellschaftlichen Muster hierzulande, dass derjenige Anerkennung bekommt, der tut, was man ihm sagt? Dieses Muster findet Ausdruck in der Forderung, „höflich“ zu sein. Am Hof herrschte der mit Geburtsrechten ausgestattete Herrscher (Ober) indem er seinen Vasallen (Unter) Befehle erteilte. Das Verhältnis war eben: „höflich“.

Die aufgeklärte moderne Gesellschaft eröffnet uns freilich einen anderen Weg, der sich in einem „freundlichen“ Umgang ausdrückt: Freunde begegnen sich respektvoll „auf Augenhöhe.“ Freunde vertrauen sich, bitten um und geben sich Hilfe, nehmen dies aber nicht über Gebühr in Anspruch. Sie nehmen den anderen wie er ist und geigen sich aber auch schon mal die Meinung, wenn es sein muss. Kurzum: Sie behandeln sich gleichberechtigt. Wie aber kann ein in diesem Sinne freundlicher Umgang in hierarchischen Organisationen funktionieren?

Kommunikation kennt keine Hierarchien

Der Sinn von Hierarchien ist es, Entscheidungsbefugnisse festzulegen und so Prozesse zu beschleunigen: Wer ist in gewissen Fällen zu informieren, wer trägt wofür Verantwortung und vor allem: Wer entscheidet was? Auf die Frage nach dem „Wie“ hat die hierarchische Festlegung aus systemischer Sicht keinerlei Einfluss. Hierarchien sind insofern wie Support-Telefonnummern: Hier ist klar, welchen Anschluss Sie in gewissen Fällen anrufen und was der Ansprechpartner dort für Sie tun kann (und darf – unter Umständen müssen Sie bei einer Eskalation den Vorgesetzten bemühen.) Die Telefonleitung selbst, also die Art der Kommunikation, verbindet Sie lediglich als neutrales Medium. Und das können Sie und Ihr Gesprächpartner gleichermaßen nutzen.

Ob das in ruhigem oder aggressivem Ton, ob respektvoll oder unfreundlich geschieht, entscheidet jeder Gesprächspartner selbst. Unabhängig von der Sache, den Entscheidungsbefugnissen oder dem  Status sind beide sprachlich (und sozial) gleichberechtigt. Natürlich erleben wir trotzdem zuhauf, dass sich einer versucht über den anderen zu stellen. Um Ziele durchzusetzen, sind Menschen eben bereit, Regeln erfinderisch zu verletzen: Mal umschmeicheln sie, mal schüchtern sie ein. Wohlgemerkt: Bei all dem geht es nicht um die Frage, ob ein Anliegen berücksichtigt wird, sondern nur, ob Sie es generell äußern dürfen.

Die Antwort ist: Ja klar! Am besten machen Sie es mit einer freundlichen Haltung. Denn das steigert Ihre Chancen, dass Sie Ihr Anliegen durchsetzen können.

Der Ton macht die Musik? Manchmal.

Ein Garant ist es aber leider nicht. Ausschlaggebend für Ihren Erfolg ist vielmehr, in welcher grundsätzlichen Konstellation Sie sich mit Ihrem Gesprächspartner befinden, ob Sie die passende Handlungsmöglichkeit wählen und ob Ihr Gegenüber in Ihrem Sinne mitspielen möchte. Es sind die folgenden drei Grundsituationen, in welchen sich zwei Fragen stellen – immer konkret auf ein Anliegen bezogen: Welche Art von Beziehung zu meinem Gesprächspartner herrscht in diesem Moment? Und: Welche Möglichkeiten stehen mir jetzt generell zur Verfügung? /2/

1

Ich darf, Du musst (wenn ich will)
Ich habe ein Anrecht auf Erfüllung meines konkreten Anliegens
Möglich: Forderungen durchsetzen (oder auch darauf verzichten).
Freundlich, versteht sich.
Beispiel: Reklamation im Garantiezeitraum

2

Ich und Du dürfen (wenn wir wollen)
Beide Parteien haben die gleichen Freiheiten und Rechte in der konkreten Sache
Möglich: Diplomatie und Argumentation.
Beispiel: Wochenendgestaltung: Sie wollen wandern, die Kinder wollen schwimmen.

3

Du darfst (wenn du willst)
Der andere hat die Freiheit, mein Anliegen zu erfüllen oder auch nicht.
Möglich: Um Sympathie werben, Vorzüge hervorheben, an Werte und Sinn appellieren
Beispiel: Sie bitten Ihren Chef Ihnen ein Sabbatical zu genehmigen.

Egal, in welcher dieser drei Situationen Sie sich befinden: Seien Sie freundlich zu sich selbst und anderen! Das heißt: Sorgen Sie stets dafür, dass grundsätzliche Rechte respektiert werden! Denken Sie daran: Jeder sprachlich-soziale Übertritt verschiebt die Grenzen zu Ihren Ungunsten, möglicherweise auch dauerhaft. Ahnden Sie Übergriffe deshalb sofort und in angemessenem Ton!  Genauso wichtig aber: Achten Sie darauf, selbst nicht übergriffig zu werden und behandeln Sie Ihren (Gesprächs-) Partner fair!

So erarbeiten Sie sich nicht nur generell einen respektvollen Umgang. Ganz nebenbei – und sehr pathetisch formuliert – verteidigen Sie so auch tagtäglich unsere gemeinsamen freiheitlichen Werte.


 


Literatur & Links

  1. Hinsch, Rüdiger & Wittmann, Simone: Soziale Kompetenz kann man lernen. Weinheim/ Basel: Beltz, 2010
  2. Wiki-Eintrag: Französischen Revolution
  3. Johner, Philipp: Freundschaft: Was es für ein erfülltes Leben braucht. Frankurt am Main, 2012

Anmerkungen

  1. Wiki-Eintrag: Schafkopf
  2. Hinsch, Rüdiger & Wittmann, Simone: Soziale Kompetenz kann man lernen. Weinheim/ Basel: Beltz, 2010